Suffizienz: ein Freiheitsprojekt
Genug ist genug. Die schlichte Wahrheit hat im politischen Alltag einen schweren Stand. Aber wir brauchen sie, sie befreit – und sie ist in der Bundesverfassung verankert.
Editorial von Dr. Annette Jenny
Dozentin für Nachhaltigkeitstransformation an der ZHAW und Beirätin der SES
Liebe Leserin, lieber Leser
Suffizienz – das Wort klingt sperrig, seine Bedeutung ist jedoch schlicht: Genug ist genug. Wer die Klimaziele ernst nimmt, weiss, dass es ohne Suffizienz nicht geht. Effizienz und erneuerbare Energien allein genügen nicht, um die völkerrechtlich vereinbarten Umweltziele zu erreichen. Doch während immer mehr Kantone und Städte Suffizienz strategisch verankern, spielt sie auf Bundesebene kaum eine Rolle – als ob weniger Verbrauch ein Tabu wäre.
Die neue SES-Studie «Energiesuffizienz in Verfassung und Gesetzen» zeigt nun, dass dieses Schweigen rechtlich unbegründet ist. Die Bundesverfassung fordert ausdrücklich einen «sparsamen und rationellen Energieverbrauch». Gerade der Begriff «sparsam» entspricht nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich und normativ dem Kernprinzip der Suffizienz. Der Verfassungsauftrag ist somit klar – doch Gesetze und Verordnungen schweigen weitgehend, wie Sie im Fokus-Artikel in diesem Magazin erfahren (dort finden Sie auch den Link zur Studie).
Suffizienz ist kein moralischer Appell, sondern ein Freiheitsprojekt: Sie befreit von Strukturen, die uns zu Überkonsum und Energieverschwendung drängen. Sie macht unsere Gesellschaft stärker und schafft Raum für Lebensqualität innerhalb planetarer Grenzen.
Wenn die Schweiz ihre selbst gesetzten Klima- und Energieziele erreichen will, muss sie beginnen, Suffizienz als Kern einer zukunftsfähigen Politik zu begreifen. Der rechtliche Rahmen dazu ist da und auch die Wissenschaft zeigt klar: Gesellschaften können ihren Energie- und Ressourcenverbrauch deutlich senken und dabei den Wohlstand und die Lebensqualität erhalten – wenn politische, wirtschaftliche und kulturelle Strukturen suffizientes Handeln unterstützen.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!
Dr. Annette Jenny
Dozentin für Nachhaltigkeitstransformation an der ZHAW und Beirätin der SES