energiestiftung.ch energiestiftung.ch Fossile → Iran-Krieg – Abhängigkeit von Öl und Gas

Fossile Energie ist Kriegsenergie

Der Irankrieg zeigt einmal mehr drastisch: Eine zentralisierte Energieinfrastruktur mit weltumspannenden Lieferketten ist hochgradig verletzlich und macht abhängig. Noch immer basieren zwei Drittel der Schweizer Energieversorgung auf importiertem Öl und Gas. Mit dem Geld, das wir für fossile Energien ausgeben, finanzieren wir Kriege und autoritäre Regimes.

Öltanker
Symbolbild: pexels, Irfan Simsar

Seit Israel und die USA am 28. Februar ihren Angriff gegen das Iranische Regime begonnen haben und der Iran im Gegenzug die Strasse von Hormus blockierte, sind Erdöl und Erdgas weltweit knapp geworden und die Lieferketten gestört. Denn je ein Fünftel des Erdöls und des Flüssig-Erdgases sowie ein Drittel des Flugbenzins, die weltweit verbraucht werden, passierten vor dem Krieg diese Meerenge im Persischen Golf.

Die Internationale Energieagentur (IEA) spricht von der «grössten Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarktes». Sie ruft zum Energiesparen auf und hat die Mitgliedstaaten aufgefordert, strategische Ölreserven freizugeben.

In der Schweiz ist die Energiekrise bislang noch vergleichsweise wenig zu spüren. Hauptsächlich asiatische Länder sind auf Öl und Gas aus der Golfregion angewiesen. Doch mit den erhöhten Weltmarktpreisen zahlen auch wir mehr für unsere Energie: Laut einer Schätzung, über die die Tamedia-Zeitungen berichteten, dürfte der Preisanstieg die Schweiz in diesem Jahr indirekt 4 bis 5 Milliarden Franken kosten. Die Energieversorgung der Schweiz basiert zu rund zwei Dritteln auf fossilen Energien, die sie vollständig importiert.

Und darüber hinaus geht es um mehr als «nur» um Energie: Synthetische Düngemittel werden mit fossiler Energie hergestellt, viele Düngemittelfabriken befinden sich in der Golfregion und ein Drittel des weltweit produzierten Düngers passiert die Strasse von Hormus. Laut dem World Food Programme sind durch die Sperrung der Strasse von Hormus 45 Millionen Menschen von einer Hungerkrise gefährdet.

Die fossilen Energieträger Erdöl, Erdgas und Kohle müssen so schnell wie möglich aufgegeben werden, denn sie sind für drei Viertel der weltweiten Treibhausgase verantwortlich, die die Klimaerhitzung verursachen (in der Schweiz: vier Fünftel der Treibhausgas-Emissionen).

Der Irankrieg zeigt: Es gibt weitere Gründe, das Zeitalter der fossilen Energie so schnell als möglich zu verlassen:

  • Mit der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern schaden wir uns selbst, denn zentralisierte Energiestrukturen mit weltumspannenden Lieferketten sind verletzlich. Es genügt, eine Meerenge zu sperren, um die Weltwirtschaft aus dem Tritt zu bringen.
    Wir sind abhängig von Regimen und globalen Konzernen, die sich über Umweltschutz und Menschenrechte hinwegsetzen und aufgrund ihrer Grösse und Macht demokratische Systeme unterwandern. So hat Donald Trump den Fossilenergieunternehmen versprochen, ihnen als Präsident ihre «Wunschliste» zu erfüllen, wenn sie seinen Wahlkampf mit einer Milliarde Dollar unterstützten.
  • Die Verletzlichkeit zentralisierter Energiesysteme gilt auch für andere Energiearten, die auf Grossanlagen basieren – das zeigt etwa die Besetzung des Atomkraftwerks Saporischschja oder die Zerstörung des Kochowka-Staudamms in der Ukraine durch Russland in den Jahren 2022 und 2023.
  • Mit der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern schaden wir anderen und finanzieren Kriege und autoritäre Regimes. Die Geschichte von Erdöl und Erdgas ist seit dem frühen 20. Jahrhundert eine kriegerische.
    Das zeigt sich gerade am Irankrieg: Das Verhältnis des «Westens» zum Iran ist spätestens seit 1953 vom Streit ums Öl geprägt. Damals wurde der demokratisch gewählte iranische Regierungschef Mohammed Mossadegh von Grossbritanniens und der USA gestürzt, weil er es gewagt hatte, den Erdölkonzern Anglo-Iranian – die heutige BP – zu verstaatlichen.
  • Vom Anstieg der Öl- und Gaspreise infolge des Irankriegs profitiert heute auch Russland, das seinen Krieg gegen die Ukraine mit dem Verkauf von Erdgas und Erdöl finanziert. Die USA haben die Sanktionen gegen russisches Öl und Gas aus Angst vor zu hohen Benzinpreisen gelockert.

Fragen und Antworten

Wie abhängig ist die Schweiz von Energieimporten?

Die Schweiz importierte im Jahr 2024 rund zwei Drittel aller verbrauchten Energieträger. Dazu gehören alle fossilen Energieträger wie Rohöl und Erdölprodukte, Erdgas und Kohle, sowie die nuklearen Brennstoffe, mit denen in den Schweizer AKW Elektrizität produziert wird. Auch Elektrizität wird in die Schweiz importiert. Hier steht die Schweiz aber in regem Austausch mit den Nachbarländern und exportiert dementsprechend auch Elektrizität ins Ausland. Im Jahr 2024 wurde netto mehr Elektrizität exportiert aufgrund überdurchschnittlicher Niederschläge und entsprechender Wasserkraftproduktion sowie einem tieferen Verbrauch durch höhere Temperaturen im Winter.

Wie viel kosten uns die fossilen Energien?

In den Jahren 2015 bis 2024 flossen aus der Schweiz zwischen 5,17 (2016) und 11,16 Milliarden Franken (2022) pro Jahr für fossile und nukleare Energieträger ins Ausland ab. (2020 lag dieser Wert mit 4,1 Milliarden Franken noch etwas tiefer, doch das Jahr des Covid-Lockdowns ist schlecht mit den anderen Jahren vergleichbar.) Das ist nicht nur sehr viel Geld, es sind auch enorme Schwankungen, die die Planungssicherheit belasten. Die rekordhohen Kosten im Jahr 2022 sind auf den Krieg Russlands gegen die Ukraine und den dadurch gestiegenen Erdgaspreis zurückzuführen. Wegen des Irankriegs dürfte die Rechnung 2026 noch deutlich höher ausfallen.

Wie viel von diesem Geld fliesst in Autokratien und kriegsführende Staaten?

Die meisten fossilen Energieträger werden über die EU in die Schweiz importiert. Beim Erdöl sind die kriegführenden USA das Hauptexportland sowohl in die Schweiz als auch in die EU. So kamen im Jahr 2024 54% des direkt in die Schweiz importierten Rohöls aus den USA, gefolgt von Nigeria (37%) und Algerien (4%), sowie den autoritär regierten Libyen (4%) und Kasachstan (1%). Die EU importierte 2024 ihr Rohöl aus den USA (15%), neben Norwegen (14%), Kasachstan (11%), Saudi Arabien (7%), Libyen (7%), Irak (6%) und Nigeria (6%).

Beim Erdgas ist die Schweiz vollständig auf die Versorgung über die Pipelines mit der EU angewiesen und importiert daher den Erdgas-Mix der EU. Knapp zwei Drittel des Erdgases wurde 2024 über Pipelines in die EU importiert, rund ein Drittel als Flüssiggas (LNG). Das Erdgas über Pipelines kam grösstenteils aus Norwegen (40%) und der EU (17%), aber auch aus Algerien (16%), Russland (9%), Aserbaidschan (6%) und aus dem Vereinigten Königreich (4%). Das LNG kam 2024 vor allem aus den USA (45%), gefolgt von Russland (20%), Katar (11%), Algerien (9%) und Nigeria (6%).

Was hat der Strompreis mit dem Preis für fossile Energieträger zu tun?

Der Strompreis auf dem europäischen Strommarkt ist eng an den Gaspreis gekoppelt. Auch wenn die Schweiz selbst keine Gaskraftwerke hat, ist sie doch in den internationalen Markt eingebunden und der Gaspreis wirkt sich also auch hierzulande auf den Strompreis aus. Privathaushalte und kleinere Unternehmen spüren Preisschwankungen nur verzögert, da deren Stromtarife jeweils für ein Jahr gesetzt sind.

Hilft die Energiewende gegen die Energiepreisschwankungen?

Ja. Je höher der Anteil der nicht-fossilen Stromproduktion im Netz ist, desto geringer fällt die Koppelung des Strommarktpreises mit dem Gaspreis aus. Die IEA hat 2022 festgestellt, dass Länder mit einem hohen Anteil erneuerbarer Quellen an der Stromproduktion weit weniger vom Strommarktpreisanstieg infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine betroffen waren.

Wie kommen wir von den Fossilen weg?

Die Schweiz hat den mit der Energiestrategie 2050 den richtigen Weg eingeschlagen: weg von fossilen und nuklearen Energieträgern, hin zu vollständig Erneuerbaren, hauptsächlich aus heimischer Wasserkraft, Solar- und Windenergie. Die Gesetzesgrundlagen dazu sind geschaffen und der Ausbau wird beschleunigt. Diese Strategie muss die Schweiz nun aber konsequent und ohne Ablenkung weiterverfolgen.

Was ist kurzfristig zu tun?

Je schneller wir uns von den fossilen Energieträgern befreit haben, desto besser. Bis es aber soweit ist, hilft vor allem Energie sparen. Die IEA empfiehlt zehn kurzfristig wirkende Sparmassnahmen, von Homeoffice über Geschwindigkeitsreduktionen auf der Strasse bis zum Umstieg vom motorisierten Individualverkehr auf den öffentlichen Verkehr und eine Reduktion der Flugreisen. Übrigens: 1973 verordnete der Bundesrat als Reaktion auf die Ölpreiskrise drei autofreie Sonntage. Das mag heute drastisch erscheinen – doch fast alle, die es erlebt haben, teilen schöne Erinnerungen auf «eine Art Volksfest» mit Spaziergängen auf Autobahnen. Die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien IRENA empfiehlt als Reaktion auf den Irankrieg 22 schnell umsetzbare Massnahmen, um den Umstieg auf erneuerbare Energie zu beschleunigen.

Helfen Preisbegrenzungen?

Mehrere Nachbarländer der Schweiz begrenzen den Benzinpreis, indem sie beispielsweise die Mineralölsteuer reduzieren oder aussetzen. Diese Massnahme dämpft den Schock für die Wirtschaft und Bevölkerung, verzögert aber die Befreiung aus der Ölabhängigkeit und ist somit kontrapoduktiv. Soweit die steigenden Energiepreise zu sozialen Härten in der Schweiz führen, müssten diese gezielt gelindert werden und nicht durch teure und kontraproduktive Massnahmen.

Was hat die Klimapolitik mit der Energieabhängigkeit zu tun?

Um die Klimaerhitzung zu bremsen, muss die Verbrennung fossiler Energieträger aufhören – je schneller, desto besser. Als positiver Nebeneffekt stärkt die Reduktion der Fossilen die Energieunabhängigkeit und macht die Versorgung sicherer.

Wo steht die Schweiz bei der Dekarbonisierung?

Im April 2026 hat der Bund das Treibhausgas-Inventar für das Jahr 2024 publiziert. Demzufolge sind die auf dem Gebiet der Schweiz ausgestossenen Emissionen seit 1990 um 27 Prozent zurückgegangen – ohne Berücksichtigung des internationalen Flugverkehrs. Werden der internationale Flugverkehr sowie die Landnutzung mitberücksichtigt, beträgt der Rückgang nur knapp 8 Prozent in 34 Jahren. Damit ist die Schweiz nicht auf Kurs, ihr gesetzliches Emissionsziel von Netto-Null bis 2050 zu erreichen. Wäre die Dekarbonisierung weiter fortgeschritten, könnte die Schweiz dem Anstieg der Öl- und Gaspreise gelassener begegnen.

Die SES sagt:

Der Irankrieg zeigt schonungslos auf, wie abhängig auch die Schweizer Energieversorgung von Öl- und Gaslieferungen aus unsicheren Weltgegenden ist. Es ist klar, dass wir uns von diesen fossilen Energieträgern verabschieden müssen. Nur der Umstieg auf erneuerbare Energien – hauptsächlich aus heimischer Wasserkraft, Wind- und Solarenergie – kann die Versorgungssicherheit gewährleisten.

Fachbereich Energiesuffizienz & Klima

Marcel Hänggi

Leiter Fachbereich Nachhaltige Energienutzung & Klima
+41 44 275 21 23
marcel.haenggi@energiestiftung.ch

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