Energie-Unabhängigkeitstag 2026: Ab 27. April lebt die Schweiz auf Pump
Marcel Tobler,
Die Schweiz deckt heute rund zwei Drittel ihres Energiebedarfs mit Importen. Dazu zählen sämtliche Erdölprodukte, Erdgas sowie nukleare Brennstoffe. Dafür fliessen jährlich rund sieben Milliarden Franken ins Ausland. Der Energie-Unabhängigkeitstag macht diese Abhängigkeit sichtbar: Er markiert den Zeitpunkt, ab dem die Schweiz rechnerisch vollständig auf Energie aus dem Ausland angewiesen ist.
Schweiz im europäischen Mittelfeld
Mit einer berechneten Energie-Unabhängigkeitsquote von 32.0 Prozent im Jahr 2026 liegt die Schweiz im Vergleich zu den EU-Ländern im Mittelfeld (siehe Abbildung 1). Spitzenreiter ist mit grossem Abstand Estland mit einer Eigenproduktion von über 97 Prozent. Auch Lettland, Rumänien und Schweden versorgen sich zu über 50 Prozent mit einheimischen Energieträgern. Die Schlusslichter des Vergleichs sind die stark auf Importe angewiesenen Belgien, Luxemburg und Malta mit einer Energie-Unabhängigkeitsquote von unter 12 Prozent.
Abhängigkeit als geopolitisches Risiko
Ein grosser Teil der importierten fossilen Energieträger stammt aus politisch instabilen Regionen wie dem Nahen Osten, Vorderasien oder der ehemaligen Sowjetunion und gelangen über EU-Länder in die Schweiz. Die aktuellen Spannungen im Nahen Osten verdeutlichen, wie verletzlich dieses System ist: Konflikte wirken sich direkt auf die Preise, die Verfügbarkeit und die Versorgungssicherheit aus. Auch bei der Atomenergie besteht weiterhin eine Abhängigkeit, etwa von russischem Uran.
Erneuerbare stärken die Unabhängigkeit
In den letzten 25 Jahren hat die Schweiz ihre Energieunabhängigkeit kontinuierlich von unter 20 Prozent auf über 32 Prozent im Jahr 2024 gesteigert (siehe Abbildung 2) – vor allem wegen der abnehmenden Nutzung importierter fossiler Energieträger wie Heizöl und dank steigender Strom- und Wärmeproduktion aus inländischen, erneuerbaren Quellen. Dies illustriert die Energie-Unabhängigkeitsquote des Jahres 2024 – ein Jahr mit hohen Temperaturen und nassem Wetter. Das reduzierte die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen und Elektrizität zu Heizzwecken, während die Wasserkraft ein überdurchschnittliches Jahr erlebte. Das Resultat: weniger Einfuhren von Heizöl und Erdgas, mehr Stromexporte und eine höhere Energieunabhängigkeit.
Léonore Hälg, Leiterin des Fachbereichs Erneuerbare Energien bei der SES, fasst zusammen: «Der Iran-Krieg zeigt deutlich, wie vulnerabel die globale Energieversorgung von geopolitischen Ereignissen ist. Um die Versorgung langfristig zu sichern und auch unabhängiger von autoritären Staaten zu werden, sind der konsequente Ausbau der erneuerbaren Energien im Inland und eine enge Zusammenarbeit innerhalb von Europa zentral.» Aus diesen Gründen fordert die SES das Parlament auf, die Energiewende voranzubringen, das Stromabkommen mit der EU und eine mehrheitsfähige innenpolitische Umsetzung zu verabschieden, sowie auf nukleare Abenteuer mit neuen Uran-Abhängigkeiten (Blackout-Initiative und Gegenvorschlag) zu verzichten.
Léonore Hälg
Leiterin Fachbereich erneuerbare Energien
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leonore.haelg@energiestiftung.ch